Was Schule mir über mich beigebracht hat und was ich neu lernen musste
In meiner Schulzeit wurde mir oft gesagt, ich sei nicht gut genug.
Nicht klug genug. Ich würde nie studieren. Dafür brauche man die Matura und die werde ich wegen meiner Dyskalkulie ohnehin nicht schaffen.
Ich wurde an die Tafel geholt und vorne stehen gelassen. Mit einer Rechnung, die andere in Sekunden lösten. Ich durfte mich erst setzen, wenn ich die richtige Antwort hatte. Also stand ich da. Mit klopfendem Herzen, mit Scham und dem Gefühl, falsch zu sein und nichts zu können.
Dieser Moment war kein Einzelfall. Er wurde zu einem Teil meines Selbstbildes. Dieser Schulteil ist einer der prägendsten für Kinder. Und das wurde mir mitgegeben.
Die Angst, dranzukommen und die Antwort nicht zu wissen. Angst vor diesem Blick, der mehr sagte als jedes Wort. Irgendwann begann ich zu glauben, dass Zahlen etwas über meinen Wert aussagen. Dass eine Schwäche entscheidet, wie weit ich kommen darf.
Schon in der Volksschule wurde Dyskalkulie diagnostiziert, was ich in meiner Jugendzeit erst erfahren habe. Eine Rechenschwäche. Kein Mangel an Intelligenz. Aber in meinem Kopf war da längst eine Geschichte: Ich kann das nicht und ich bin nicht gemacht für mehr.
Mein Traum war es schon immer, irgendwann zu studieren. Doch wenn man jahrelang hört, dass man nicht gut genug ist, beginnt man, diese Stimme zu übernehmen. Man macht sich selbst klein und es nagt an seinem Selbstwert.
Schule hat mir beigebracht, dass es schwer ist und für mich nicht leicht sein darf. Dass Schule ein Ort ist, an dem ich unsicher bin. Wo es jederzeit passieren kann, dass ich bloßgestellt werde. Schule hat mir beigebracht, mich zu schämen. Mich zurückzuhalten denn es ist sowieso alles falsch was ich sage.
Was ich neu lernen musste ist, dass lernen nicht für alle gleich aussieht. Dass Intelligenz verschieden ist. Dass eine schwäche in Mathematik nichts über meine Fähigkeit aussagt, vor allem nicht mit Menschen zu arbeiten, Zusammenhänge zu verstehen oder Verantwortung zu tragen. (Spoiler Alert: ich habe Mathematik in meiner Arbeit noch nie gebraucht)
Ich musste viele Umwege gehen, da ein Studium ohne Mathe Matura früher noch nicht möglich war. Mittlerweile geht das. Ich habe die Studienberechtigungsprüfung in Deutsch und Englisch nachgeholt und studiere Sozialpädagogik. Man sollte denken, dass es der Beweis ist, dass ich mehr kann. Aber es fühlt sich immer noch an als wäre ich eine Hochstaplerin. Als hätte ich mir diesen Studienplatz irgendwie ergattert ohne wirklich berechtigt zu sein. Ich darf noch lernen, dass ich diesen Platz verdient habe. Das ich genau richtig bin, da wo ich jetzt bin. Ich warte immer noch auf den Moment wo ich mir denke, dass es mir zu schwer wird. Obwohl es auch einfach mal leicht sein und bleiben darf.
Schule hat mir beigebracht an mir zu zweifeln und heute lerne ich, mir selbst zu vertrauen.
Was man dir einmal über dich erzählt hat, muss nicht deine Wahrheit bleiben. Du darfst dir ein neues Bild von dir selbst machen.
Was ist Dyskalkulie:
Dyskalkulie ist eine anerkannte Rechenstörung. Sie betrifft das grundlegende Verständnis von Zahlen, Mengen und mathematischen Zusammenhängen. Die Schwierigkeiten stehen nicht im Zusammenhang mit mangelnder Intelligenz oder fehlender Anstrengung, sondern mit einer Beeinträchtigung der Zahlenverarbeitung.


